Wenn Opa oder Oma Verbrecher waren

Hat man erst einmal begonnen, sich für Geschichte zu interessieren, so lässt sie einen so schnell nicht wieder los. Erst recht nicht, wenn es um familiäre Biografien geht. Aber wie geht man damit um, wenn sich bei den eigenen Recherchen herausstellt, dass die eigenen Großeltern Kriegsverbrecher waren?

Kein leichtes Thema gleich am Anfang dieses Blogs. Aber ein notwendiges Thema. In der Generation, über die heute üblicherweise eine Biografie verfasst wird, kommt man kaum um diese Frage herum.

Das gilt auch für diese Biografie-Seite selbst. „Gurran“ bezieht sich auf den Mädchennamen meiner Mutter. Doch es ist auch der Name ihres Onkels, des Wehrmachtsgenerals Paul Gurran, der am größten Verbrechen der Wehrmacht, an der Belagerung und damit Aushungerung von Leningrad beteiligt war.

Aktuell bin noch einmal durch einen Artikel in der Märkischen Allgemeinen (MAZ) vom Wochenende auf diese Problematik gestoßen: Drei Generationen und ein Konflikt – Immer mehr Angehörige von NS-Tätern recherchieren in Archiven zu ihren Verwandten / Über die Suche einer Enkelin. (Leider ist der Artikel nur noch kostenpflichtig verfügbar.)

„Schwarze Flecken in der Familiengeschichte entwickeln eine eigene Dynamik“, sagt in diesem Artikel eine junge Frau, deren Opa u.a. die politische Abteilung des KZ Sachsenhausen leitete.

Die betroffene Generation selbst und oft genug auch die nachfolgende haben den Mantel des Schweigens über die Sache gehängt. Die Enkelgeneration ist offener, unbefangener. Manche wollen die ganze Wahrheit wissen, sich ihr stellen – und riskieren Konflikte in der eigenen Familie. Was haben Oma und Opa gedacht, gefühlt und vor allem getan? Muss man das heute wieder ausgraben?

Am meisten hat mich in dem erwähnten MAZ-Artikel folgende Stelle bewegt, in der sich die Enkelin auf Bilder aus einer Ausstellung über den Vernichtungskrieg im Osten und den eigenen Großvater bezieht:

„Am liebsten würde ich ihm diese Bilder hinhalten und sagen, was hast du Arschloch da getan?!“ Sie sagt’s, wartet kurz, lacht und widerspricht sich selbst: „Aber das ist natürlich falsch.“ Sie (im Original steht der Name - A.T.) hat das aus Gesprächen mit ihrem Vater gelernt: Vorpreschen hilft meistens wenig.
Was hilft? Ich habe viele Fragen und kaum Antworten. Vielleicht die: Die Wahrheit zu suchen lohnt sich fast immer, schon, um der quälenden Dynamik der biografischen Lücken zu entkommen. Auch, um eine Wiederholung zu verhindern. Ob man die gefundene Wahrheit dann veröffentlicht, steht auf einem anderen Blatt. Wenn ich allerdings an die erstarkende Neonazi-Szene in meinem Heimatland Brandenburg denke, dann tendiere ich dazu, auch das zu empfehlen.

Wer sich allerdings auf die Geschichte seiner Großeltern einlässt, der sollte wissen, was passieren kann:

Respekt für ihre Suche habe sie von Überlebenden und Verwandten der Opfer geerntet, sagt sie (wieder steht im Original der Name - A.T.). Von den Verwandten nicht.
„Wer zur ersten Generation forscht, entdeckt auch die zweite neu.“, noch so ein Satz aus dem MAZ-Artikel, dem ich nur zustimmen kann.

Abgelegt unter: Nachdenkliches

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